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Der Teufel, Erdbeeren, Kriege und die Mündigkeit

Wir sind erwachsen. Pink Apple feiert dieses Jahr seinen 18. Geburtstag. Wäre das Festival ein Mensch, dürfte es nun Schnaps trinken und Auto fahren. Und es dürfte legal schmutzige Filme konsumieren. Keine Frage, das muss gefeiert werden. Zwar nicht mit Schnaps und Autofahrten, sondern mit Filmen, zu denen Minderjährige keinen Zutritt haben. Dabei geht es uns nicht um die Videos, die man auf jedem Smartphone anschauen kann. Pink Apple lädt den portugiesischen Regisseur Antonio Da Silva ein und zeigt sein Schaffen – irgendwo zwischen Pornografie, Kunst und Kino – und es zeigt ein lesbisches Best-of-Programm des Pornfilmfestivals Berlin.

Ab 18 Jahren waren die Filme bis vor kurzem im Kino Stüssihof. Der Inbegriff des Schmuddelkinos hat sich zum respektablen Nischenplayer gewandelt. Man mag das ein bisschen als Metapher für die Homosexuellenbewegung sehen: Einst galten auch wir als schmuddelige Randerscheinung, nun sind wir ein wahrnehmbarer und weitgehend akzeptierter Teil des öffentlichen Lebens. Wir wollen uns aber ob derlei Deutungen nicht den Kopf zerbrechen, sondern freuen uns, dass das Kino Stüssihof neu ein wichtiger Playground für unser Festival geworden ist. Unter anderem finden in dessen Salle Pigalle dieses Jahr die Pink Talks statt.

«New Queer Cinema» ist der Überbegriff für die neue Generation schwuler und lesbischer Filme, die ab den Neunzigerjahren entstanden. Viele handelten vom Coming-out – ihre Protagonist/innen waren nicht selten Menschen, mit denen wir Zeitzeug/innen uns damals gut identifizieren konnten. Vorbei waren die Zeiten, in denen lesbische und schwule Filmfiguren einzig damit beschäftigt waren, an ihrem Leiden zu zerbrechen und sich von Suizidversuch zu Suizidversuch schwingen. Die Geschichten dieser Filme waren irgendwie auch unsere Geschichten. Wir würdigen das New Queer Cinema dieses Jahr in Anwesenheit von B. Ruby Rich, die den Begriff 1992 in die Welt setzte.

70 Jahre ist es her, dass der 2. Weltkrieg zu Ende ging. Mit dem Ende der Nazizeit endete in Deutschland auch ein Kapitel der Verfolgung von schwulen und bisexuellen Männern. Um die 50000 davon waren nach der Machtübernahme der NSDAP aufgrund des Paragrafen 175 des deutschen Strafgesetzes verurteilt worden. An die 15 000 Männer wurden aufgrund ihrer sexuellen Identität in Konzentrationslager gesperrt, etwa die Hälfte davon dürfte dort den Tod gefunden haben. Doch mit dem Kriegsende nahm die Verfolgung bloss andere Gesichtszüge an – der durch die Nazis verschärfte Paragraf 175 hatte weiterhin Bestand. Wir nehmen das 70-Jahr-Jubiläum des Kriegsendes zum Anlass, um an die schwulen und lesbischen Opfer zu erinnern.

Ein anderer Krieg, der Kalte Krieg, war 1994 praktisch nur noch in Kuba Realität. Als ausgerechnet der im Westen verteufelte Inselstaat damals ein schwules Meisterwerk der Filmkunst herausbrachte, rieben sich so manche die Augen. Mit «Fresa y chocolate» schenkte uns Kuba nicht nur eine Geschichte, die subtil mit der Beziehung zwischen einem offen schwulen Künstler und einem betont heterosexuellen Revolutionär spielte – der Film enthielt durchaus so etwas wie Regimekritik. Wir spannen den Bogen bis zum 20 Jahre danach entstandenen «Vestido de novia», der ebenso mutig wie explizit Kritik an der kubanischen Gesellschaft übt.

Als 2001 die Gay Pride in Sion stattfand, sah sich der eine oder andere Sittener angesichts des erwarteten ganz und gar unsittlichen Treibens genötigt, seinen Hauseingang mit einem Bretterverschlag zu verbarrikadieren. Kein Wunder, hatte doch der damalige örtliche Bischof prophezeit, der Teufel höchstpersönlich werde die Stadt heimsuchen. Der Teufel blieb zu Hause, aber unterwegs war ein junger Romand namens Lionel Baier, bewaffnet mit einer Kamera. Er drehte einen vielbeachteten Dokumentarfilm: «La Parade». In den Folgejahren blieb Baier sich und seinem Thema treu, drehte weitere Filme, darunter «Garçon stupide» oder «Comme des voleurs (à l’est)», und leitet seit 2002 die Abteilung Film an der Lausanner ECAL. Nun kehrt 2015 die Gay Pride ins Wallis zurück, und der heutige Bischof gibt sich immerhin ein paar Millimeter offener. Und wir geben Lionel Baier etwas, das noch keiner hat: den Pink Apple Festival Award, der den in Lausanne wohnhaften Regisseur für sein Schaffen ehrt. Das und insgesamt 111 Kurz- und Langfilme, Spielfilme und Dokus, erwarten alle die, die sich mit uns auf die 18. Ausgabe von Pink Apple einlassen möchten. Wir freuen uns, dass ihr dabei seid. Und: Nur weil wir schon 18 sind, sind wir noch lange nicht alt. Schliesslich ist ein 18-Jähriger in Gay-Sprech gerade mal ein «Twink».

Euer Pink-Apple-Team